Joshua Kwesi Aikins, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Entwicklungspolitik und postkoloniale Studien der Universität Kassel. Er studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin und der University of Ghana.

Joshua Kwesi Aikins, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Entwicklungspolitik und postkoloniale Studien der Universität Kassel. Er studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin und der University of Ghana. 

Seine Forschungsschwerpunkte sind das Zusammenwirken westlicher und indigener politischer Systeme in Ghana, Entwicklungspolitik aus dekolonialer Perspektive, kulturelle und politische Repräsentation der afrikanischen Diaspora, Kolonialität und Erinnerungspolitik in Deutschland sowie kritische Weißseinsforschung.

Er verbindet sowohl im deutschen als auch im ghanaischen Kontext wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Beschäftigung mit Fragen von Empowerment und Teilhabe, in Ghana unter Anderem als Associate Researcher der Ghana Constitution Review Commission (2010-2011) sowie als scientific lead des Ghana Vote Compass, der ersten ghanaischen Voter Advice Application für die Wahlen im Dezember 2012.In Deutschland koordinierte er von 2013 bis 2015 die Erstellung eines zivilgesellschaftlichen Parallelberichtes zu Rassismus in Deutschland an den UN-Antirassismusausschuss. Für das Projekt Vielfalt Entscheidet des Vereins Citizens for Europe verfasste er gemeinsam mit dem Projektleiter Daniel Gyamerah die Expertise „Handlungsoptionen zur Diversifizierung des Berliner Kultursektors“. Er arbeitet darüber hinaus als Trainer und Vortragender im Bereich der politischen Bildung mit einem Fokus auf die umkämpfte De/Kolonialität des öffentlichen Raums, menschenrechtsbasierter Antirassismusarbeit und Empowerment.

"Da sieht man also, dass sich das [Humboldt Forum] einordnet in eine lange und problematische Geschichte der Verstrickungen mit deutschem Kolonialismus, mit deutscher kolonialer Gewalt."

 - Joshua Kwesi Aikins

"Da sieht man also, dass sich das [Humboldt Forum] einordnet in eine lange und problematische Geschichte der Verstrickungen mit deutschem Kolonialismus, mit deutscher kolonialer Gewalt."

 - Joshua Kwesi Aikins


Welches Wort fällt Ihnen zum Humboldt Forum / Berliner Schloss ein?

Vermessen. Ich denke, dass das Projekt auf ganz vielen verschiedenen Ebenen vermessen ist. Dass sich da angemaßt wird wirklich so restaurativ tätig zu werden. Ja, also sozusagen ein Feudalsymbol wiederaufzubauen. Und ich find es auch ein bisschen revanchistisch, selbst wenn man jetzt sozusagen in Anführungszeichen „nur“ die DDR Geschichte und den Palast der Republik mit einbezieht. Aber leider, und deswegen ist es wirklich vermessen, bekommt das Ganze noch eine historische noch viel tiefere und noch problematischere Dimension, wenn man wahrnimmt, dass das Humboldt Forum leider eben auch ein koloniales Projekt ist. Und zwar sowohl wegen der Art, wie da mit den Objekten umgegangen wird oder genauer, wie es da vermieden wird, vernünftig in Richtung Provenienzforschung, Rückgabe usw. die koloniale Geschichte dieser Sammlungen verantwortungsvoll zu bearbeiten.  

Und dann kommt auch noch dazu – und deswegen ist es auch auf der Ebene nochmal vermessen – dass das Ganze tatsächlich in eine Hohenzollern-Residenz wieder einzieht. 

Also dass die ethnographischen Sammlungen Berlins, wo wir wissen, dass ein nicht geringer Anteil davon zur Kolonialzeit, auch zur deutschen Kolonialzeit, auch aus deutschen Kolonien hierher verbracht wurden, dass die jetzt also in so ein wiederaufgebautes Schloss einziehen sollen, das den Hohenzollern gehörte. Also einem deutschen Adelsgeschlecht, was in verschiedenen Jahrhunderten immer wieder verstrickt war – verantwortlich-  verstrickt war in deutsche Kolonialaggressionen. Also von der Zeit des sogenannten „Großen Kurfürsten“, der ja den Bau des ersten brandenburgischen Versklavungsforts befohlen hat, über dann die deutsche Kolonialzeit, in der es ja der Reichskanzler von Bülow [war] (auch wenn er kein Hohenzoller war), der die Einrichtung von Konzentrationslagern in Deutsch Süd-Ost-Afrika befohlen hat, bis hin zu der Tatsache, dass es eben in diesem Schloss auch ein sog. „Kuriositätenkabinett“ gab, in dem also dann auch zu einer bestimmten Zeit mit herabwürdigendem eurozentrischen kolonialen Blick angebliche „andere“ Kulturen ausgestellt wurden. Da sieht man also, dass sich das einordnet in eine lange und problematische Geschichte der Verstrickungen mit deutschem Kolonialismus, mit deutscher kolonialer Gewalt, die dann eben leider auch über dieses ganze Projekt und über den ungebrochenen kolonialen Blick – der sich alleine schon in diesem Vorhaben ausdrückt, weil er eben nicht bewusst kritisch reflektiert und in irgendeiner Form gebrochen wird- [fortgesetzt wird]. Und aus all diesen Gründen halte ich das wirklich für ziemlich vermessen. Es ist auch so, wenn man sich einfach mal die Dimensionen anschaut: Es ist eines der größten, also teuersten Kulturprojekte in ganz Europa. Mit auf jeden Fall dreistelligen Millionenbeträgen. Und die Menschen, die das verantworten, sagen aber gleichzeitig, dass sie es bedauern, dass es nicht genug Geld für die Provenienzforschung gäbe. Dann sieht man also daran ganz klar, dass da leider Prioritäten falsch gesetzt werden. Und auch an der Stelle muss man dann eben sagen, ist es tatsächlich vermessen. Der Kontrast zwischen dem angeblich humanistischen universalen Gestus „Wir laden die Welt nach Berlin ein“ zum einen und dann dieser Umsetzung, ist eben aus all den genannten Gründen ziemlich vermessen.

Glauben Sie, Deutschland sollte an die vom Genozid 1904-08 betroffenen und damals enteigneten Herero und Nama-Gemeinschaften Reparationen zahlen?

Ich denke, dass Deutschland auf jeden Fall Reparationen an die vom Genozid betroffenen und von ihren Ländern vertriebenen Herero und Nama oder deren Nachfahren zahlen sollte. Ich denke, dass Deutschland sich dieser Verantwortung stellen muss. Und das beginnt schon mit der Frage, wie man überhaupt über diese Dinge spricht. Es gibt ja im Moment da Bemühungen, dass die deutsche Regierung mit der namibische Regierung über diese Sachen spricht. Und die Kritik von Herero- und Namaverbänden ist aber, dass sie daran nicht beteiligt sind. Es sind zwar Herero und wohl auch Nama in dieser … auf namibischer Seite. Das sind aber von der Regierung bestellte Vertreter und nicht die, die sozusagen die Opferverbände – die genau zu diesem Thema lange aktiv sind – eigentlich dorthin gerne entsenden würden. Und darin zeigt sich dann leider schon die erste Verfehlung auf dem Weg zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dieser Geschichte. Und ich denke, dass man auch wahrnehmen muss, dass es da ganz klare materielle Folgen gibt bis heute. Dass also ein völlig disproportionaler Anteil des landwirtschaftlich fruchtbaren Landes nach wie vor in der Hand von weißen deutschstämmigen Menschen ist, während Herero und Nama nach wie vor politisch aber auch ökonomisch marginalisiert sind. Das heißt also, in dem wirtschaftlichen Alltag des Landes sind die Folgen des Genozids überall deutlich sichtbar. Und daraus ergibt sich aus meiner Sicht eine klare Verantwortung. Nicht zuletzt deswegen, weil die Enteignung von Herero und Nama nicht nur irgendwie informell eine Folge des Genozids war, sondern per Gesetz und von Deutschland aus sozusagen dekretiert wurde. Und vor dem Hintergrund denke ich, muss sich Deutschland, muss sich die deutsche Bundesregierung, dieser Verantwortung stellen. Und dazu gehört aus meiner Sicht auch [ganz] unbedingt, dass man endlich damit aufhört diese Diskussion mit Verweisen auf sogenannte “Entwicklungszusammenarbeit” zu verknüpfen. Das halte ich wirklich für extrem fragwürdig und verfehlt. Weil wir [dann nicht] wirklich über Reparationen sprechen, wobei mir wichtig ist zu sagen, dass Reparationen ja viele Dimensionen haben. 

Also für mich wäre Z.B. auch die Errichtung eines Denkmals für die Opfer des deutschen Kolonialismus hier in Berlin Teil von solchen Reparationen. Es geht also nicht nur um Geld es geht auch um symbolische Reparationen. Reparationen durch eine andere Bildung, durch eine andere politische Bildung und so weiter und so fort, aber es hat natürlich auch diese materielle Komponente. Und mein Problem ist nun, dass das in Deutschland gerne verknüpft wird mit der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit. Und es ist deswegen ein Problem, weil diese Entwicklungszusammenarbeit ja bekanntlich an Konditionen geknüpft ist und im Übrigen auch an die namibische Regierung ausgezahlt wird und nicht etwa direkt an z.B. Opferverbände. Aber das Problem darüber hinaus sind die Konditionen: also Entwicklungszusammenarbeit funktioniert so, dass man sagt, „Ja, also ihr bekommt dieses oder jenes Geld, dann müsst ihr aber auch ganz genau das und das und das damit machen und diese oder jene unserer Expert*innen müssen angeheuert werden, um euch dabei zu helfen“ und so weiter und so fort. Es ist, denke ich, jedem ersichtlich, dass wenn man sozusagen eine Verletzung, eine Verfehlung oder gar einen Genozid in dem Fall anerkennt, dass dann die Person, die das anerkennt und dafür Reparationen, also Entschädigungen zahlen will, dann nicht bestimmen kann – oder die Partei oder [das] Land in dem Fall dann nicht bestimmen kann – was denn nun damit zu geschehen habe. Und das ist genau der Grund warum ich denke, dass es auf die falsche Fährte führt diese beiden Sachen miteinander zu verknüpfen. Und ich würde von der Bundesregierung ganz klar erwarten, dass sie ihre Verantwortung auch in der Reflektion über diese Sachen dahingehend wahrnimmt, dass sie tatsächlich diese Sachen auseinander hält und dann eben wie gesagt mit den Opferverbänden direkt in einen Dialog über Reparationen eintritt.

Glauben Sie, dass in Berlin ein zentrales Mahnmal und ein Informationszentrum zum Versklavungshandel / Kolonialismus / Rassismus errichtet werden sollte?

Ich denke es wäre gut und wichtig, dass in Berlin ein solches Informationszentrum nebst Mahnmal errichtet und eröffnet wird, weil ich glaube, dass Berlin eine Schaltzentrale nicht nur des deutschen, sondern auch des europäischen und letztlich des westlichen Kolonialismus war. Dass also lange vor dem Eintritt – dem formellen Eintritt des deutschen Reiches in den Kolonialismus – von hier aus [also] schon zur Zeit des Versklavungshandels bestimmte Impulse ausgegangen sind. Und dass, also Dinge wie die Afrika Konferenz (die Berliner Konferenz) [hier stattfanden], auf der der Kontinent Afrika unter Kolonialmächten aufgeteilt wurde, in Abwesenheit jeglicher Vertreter*innen aus Afrika. Dass es genau aus diesem Grund wichtig ist, dass hier an dem Ort, von dem aus so viel koloniale Gewalt ausgegangen ist, dafür auch ein Stück weit Verantwortung übernommen wird und dieser Geschichte und gerade auch ihren Fortwirkungen bis heute dann auf diese Weise gedacht wird. 

Ich denke dass es in der deutschen Debatte um Erinnerungspolitik auch ein Leerstelle gibt, dass nämlich zu wenig wahrgenommen wird, dass diese Erinnerung oder diese Perspektive der Kolonisierten auch ein Teil deutscher Geschichte ist, ein Teil europäischer Geschichte. Also nicht irgendwas das woanders stattfindet hat, sondern es gibt mehr und mehr Menschen hier, die diasporische Bezüge, die familiäre Bezüge zu dieser Geschichte haben. Und zwar nicht nur aus Perspektive derjenigen, die die Gewalt ausgeübt haben, die profitiert haben, sondern auch aus der Perspektive derjenigen, die vertrieben, entrechtet, herabgewürdigt, die ermordet wurden. Und ich denke, dass es wichtig ist das aufzunehmen. Ich denke, dass es in Berlin auch noch einen anderen historischen Bezug gibt, eine Schicht von Geschichte, die in Deutschland viel zu wenig mit der Kolonialgeschichte verbunden wird und das ist die Geschichte der sog. „Befreiung“. Denn was viel zu wenig behandelt wird, in der Erinnerung an die Befreiung vom NS Regime, ist die Tatsache, dass die Westalliierten Kolonialmächte waren und auch sozusagen den Sieg über die Achse durch koloniale Ausbeutung mit sichergestellt haben. Und dass diese Rede von der Befreiung Deutschlands und von der Befreiung hin zur Demokratie zynisch ist, solange man nicht mit einbezieht, dass die USA ein Apartheidsstaat waren, dass England und Frankreich Kolonialmächte waren, die massive Menschenrechtsverletzungen begangen haben, die massive Ausbeutung mit millionenfacher Todesfolge begangen haben, direkt, um Ressourcen zu mobilisieren, um diesen Krieg zu gewinnen. Und auch darin [sehe ich] gerade hier in Berlin, eben auch in der Hauptstadt des NS Regimes, denke ich, nochmal eine besondere Wichtigkeit für so ein Mahnmal, welches eben die verschiedenen Zeitebenen dann auch verknüpft.

Was sagen Sie zu den zahlreichen menschlichen Gebeinen aus dem Globalen Süden in deutschen Museumssammlungen?

Ich denke, dass diese Gebeine Zeugnis darüber ablegen, mit was für einer Brutalität und was für einer rassistischen Selbstüberschätzung vorgegangen wurde. Denn eine der wichtigen Motivationen für die Sammlung dieser Gebeine war es ja, dass sie dann in rassistischen Forschungen – in denen es dann darum ging die „Überlegenheit” der „weißen Rasse“ quasi „objektiv“ zu beweisen- [verwendet wurden]. Ich denke, dass es aber auch wichtig ist wahrzunehmen, was die Menschen aus den Herkunftskontexten dieser Gebeine sagen. Herero und Nama z. B. wo ja viele Schädel auch im Kontext von den ersten offiziell so bezeichneten deutschen Konzentrationslagern entwendet und hierher gebracht wurden. Die sagen: „Das sind unsere Ahnen und was hier in Berlin mit ihnen passiert ist nicht würdevoll, nicht angemessen.“ Sie müssen also zurückgeführt und in Würde bestattet werden. Die sagen aber auch, dass das Zeugen sind, in dem Fall Zeugen eines Genozids. Und sie erwarten die Rückgabe der Schädel, erwarten aber auch dass diese hier forensisch untersucht werden, um sozusagen mehr über die letzten Monate vor dem Tod und vielleicht auch Todesumstände erfahren zu können. Und das verweist, denke ich, auf eine Verantwortung, die dann auch wieder Deutschland und Berlin oder die verschiedenen Institutionen, die also diese Schädel gerade „besitzen“ (ist vielleicht das falsche Wort, aber ja, in deren Kellern sie lagern) wahrnehmen müssen. Das ist z.B. weil wir ja auch über das Humboldt Forum gesprochen haben, für die Herero und Nama Schädel, bekannter Weise die Stiftung preußischer Kulturbesitz, die ja auch für das Humboldt Forum verantwortlich ist. Und ich denke in einem verantwortungsvollen Umgang mit diesen Schädeln – also das heißt ganz konkret in einer forensischen Analyse und einer würdevollen Rückgabe – würde sich zeigen, wie ernst die weltoffenen Marketingslogans tatsächlich gemeint sind, die sich gerade mit diesem Projekt verbinden. Aber die Schädel sind ja nicht nur im Besitz der Stiftung preußischer Kulturbesitz, sondern man kann ja fast sagen, fast jedes Universitätskrankenhaus, was alt genug ist, was es also sozusagen zur Kolonialzeit schon gegeben hat, hat ja solche Schädel noch in den Kellern zu lagern. Und das heißt also es eine Verantwortung, die weit über Berlin hinausgeht und wo wirklich viele Institutionen sich dieser Geschichte verantwortungsvoll stellen sollten.

Für wie wichtig halten Sie die (gleichberechtigte und konzeptionelle) Beteiligung der Nachfahren Kolonisierter an Maßnahmen zur Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit (Reparationsverhandlungen, Museen, Ausstellungen, Schulbuchdarstellungen, Straßenbenennungen, etc.)?

Ich denke, dass es wirklich wenig Sinn macht, nur aus einer Perspektive auf diese Geschichte zu blicken. Also auf die geteilte, gemeinsame Gewaltgeschichte des Kolonialismus. Ich denke, dass die Tatsache, dass tatsächlich in den letzten Jahrzehnten, das meistens aus einer europäischen und eurozentrischen Perspektive erzählt wurde, deutlich gemacht hat, in was für eine Sackgasse man sich damit manövriert, weil es eben so nicht möglich ist, die Geschichte und eben auch die sich daraus ergebende Gegenwart zu verstehen mit den vielfältigen Fortwirkungen von Kolonialismus und Rassismus bis heute. Also Rassismus hat ja nicht nur Fort- sondern auch weitere Auswirkungen. 

Die Tatsache, dass Rassismus sozusagen immer noch so ein wichtiges Ordnungsprinzip westlicher Gesellschaften ist und global immer noch so wirkmächtig ist, kann man ja gar nicht verstehen, ohne Kolonialgeschichte mit einzubeziehen. Und die wiederum kann man nicht verstehen, wenn man sie immer nur aus einer Perspektive betrachtet. Also ich denke, dass diese Multiperspektivität ganz zentral ist, um eben diese Verflochtenheit der geteilten Gewaltgeschichte des Kolonialismus verstehen zu können. 

Und ich denke, dass es in der Verantwortung derjenigen liegt, die jetzt im Moment die meisten Ressourcen – nicht zuletzt auch aufgrund dieser Geschichte-  haben, dort in wirklich ergebnisoffenen, respektvollen Partnerschaften – wobei das Wort jetzt natürlich auch belastet ist, aber ja – im Versuch, in einem echten Austausch, dort zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und dazu gehört aus meiner Sicht vor allem, dass man die Erfahrung der Kolonialisierten konzeptionell ernst nimmt. 

Und das bedeutet, dass man ein bisschen darüber hinausgeht nur zu beforschen, was ist von hier ausgegangen, also was war sozusagen das Projekt des Kolonialismus von hieraus gedacht, sondern man müsste denke ich viel stärker mit einbeziehen  – salopp gesagt-  was kam dort an. Also was für vielfältige Auswirkungen hatte koloniale Gewalt, die ja nicht nur Menschen vertrieben und ermordet hat, sondern die ganze Gesellschaften, Lebensentwürfe, ökonomische Modelle, Arten und Weisen auf der Welt zu sein, zu denken, Wissensbestände, Epistemologien, beschädigt oder sogar teilweise vernichtet hat. Ich denke, dass es wichtig ist, eben auch auf diese Seite der geteilten Geschichte zu schauen um tatsächlich einen besseren Einblick darin zu bekommen, was für einen Umfang diese Gewalt hatte und bis heute hat. Ich denke, dass gerade für Europa, das im Moment auch deswegen so wichtig ist, weil aus meiner Sicht Europa – nicht erst seit Brexit und EU-Krise – in eine Krise des Denkens geraten ist. Es gibt Herausforderungen heute, globale Herausforderungen, die sich aus problematischen Seiten des europäischen, des westlichen Systems ergeben. Also man denke z.B.  an wachsende Ungleichheit, man denke an intergenerationelle Ungerechtigkeit, insbesondere in Bezug auf die Klimakatastrophe. Das sind alles Probleme, die sozusagen, die westliche Art zu leben und zu wirtschaften und Politik zu organisieren hervorgebracht hat. Auf die der Westen aber keine Antworten findet. Und ich denke, dass es gerade da wichtig wäre, sich anderer Wissensbestände zu vergewissern, um Impulse zu bekommen, wie man nun gemeinsam diese globalen Probleme lösen kann. 

Das Tragische ist aber, dass, denke ich, nach wie vor – als eine Art kolonialer Over hang – Europa (oder viele Menschen und gerade auch Entscheider*innen in Europa) immer noch der Idee nachhängt, dass es angeblich am weitesten entwickelt wäre und sozusagen die Zukunft des Restes der Welt, insbesondere des Globalen Südens darstellen würde. Also wenn man der problematischen Idee nachhängt, dass Europa angeblich „weiter“ entwickelt wäre als der Globale Süden – was ja sozusagen eine koloniale Phantasie ist- dann ergibt sich daraus die Tragik, [dass] wenn man das so denkt, in so einem linearen Fortschrittsdenken [bleibt], das nur eine Richtung kennt. Dann heißt es „Wir – also Europa – sind sozusagen vorne dran und das bedeutet aber auch, dass man sich schwer vorstellen kann, wie man von anderen lernen sollte, die ja angeblich hinten dran sind und ja auch eigentlich ständig von einem lernen müssen. 

Man ist also durch diese koloniale Selbstüberschätzung gefangen auf eine Art und Weise, die es schwieriger macht die drängenden sozialen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme zu lösen oder zumindest neue Impulse für deren Lösung zu bekommen. Und da wird, denke ich, deutlich wie tragisch diese nach wie vor unreflektierte koloniale Selbstverständlichkeit und auch Selbstüberschätzung auch für Europa ist. Und deswegen denke ich, dass eine Erinnerungspolitik, eine Erinnerungspraxis der vielen Perspektiven, der Vielstimmigkeit auch helfen kann, dieses Problem kritisch anzugehen

Man sieht ja gerade in Berlin, wo es sozusagen Kämpfe gibt um Erinnerung im öffentlichen Raum, wo es nicht weit von hier eine Straßenumbenennung gegeben hat, vom Gröbenufer ins May-Ayim-Ufer. Wo Menschen mit anderen Erinnerungsperspektiven sich einmischen, und sagen „wir wollen mitsprechen darüber“, da sieht man ja schon ein klein wenig von dem Potenzial, was so eine Idee des Erinnerns aus mehreren Perspektiven mit sich bringt. Und wenn man das jetzt sozusagen noch weiterdenkt in Bezug auf die vielen, vielen anderen Erinnerungsgemeinschaften die gerade auch hier in Berlin leben, und auch ihre Erinnerung praktizieren, ohne dass andere darauf Zugriff haben, dann denke ich, wird schnell deutlich was für ein – für diese Gesellschaft wichtiges – Potenzial darin steckt. Da [gilt es] genauer hinzuhören, genauer hinzuschauen und diese Multiperspektivität ernst zunehmen in Bezug auf die Veränderung der Erinnerung des Kolonialismus in Berlin und Deutschland.